Das Spiel Spieletheorien
Theorien im 19. Jahrhundert
Die Wende für die spieltheoretischen Betrachtungen begann im Verlauf des 19. Jahrhunderts. Philosophie und Wissenschaften versuchten sich nicht mehr an „Gesamtdeutungen des idealistischen Zeitalters“ sondern widmeten sich der „Erfassung und Sammlung positiver Einzeldaten“.
So wurde auch das Phänomen Spiel nicht mehr umfassend betrachtet, sondern zergliedert in „kausal erklärbare Einzelfunktionen“. Diese Funktionen werden in den einzelnen Spezialwissenschaften aufgegriffen und diskutiert. Gerade die sich in dieser Zeit entwickelnde Psychologie leistete vor dem Hintergrund neuer biologischer Erkenntnisse wichtige Beiträge.
Im Folgenden werden ausgewählte theoretische Ansätze dieser Zeit vorgestellt.
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Herbert Spencer * 27. April 1820, Derby; † 8. Dezember 1903, Brighton |
Herbert Spencer formulierte die Kraftüberschusstheorie. Darin greift er den Begriff des Spieltriebs von Schiller neu auf. Spencer selbst weist in seinen Aufzeichnungen darauf hin: „Vor vielen Jahren begegnete ich dem Zitat eines deutschen Autors, der behauptete, dass die ästhetischen Gefühle aus dem Spieltrieb entsprängen. … wenn auch nicht buchstäblich richtig, doch die Andeutung einer Wahrheit enthält". Im Interesse dieser Theorie steht das Phänomen Spiel, in Widersprüchlichkeit zu Schiller, zerlegte Spencer dieses in Einzelfunktionen.
Ausgangspunkt seiner Theorie ist die Zweckgebundenheit aller Aktivitäten und Energien der Lebewesen. Er deduziert, dass durch die gewonnene Überlegenheit höherer Lebewesen, nicht mehr alle Aktivitäten und Energien zur Befriedigung der Bedürfnisse benötigt werden.
Es entsteht ein „Kraftüberschuss“, der durch Aktivitäten abgebaut wird. Spiel dient also als Ventil für überschüssige Kraft.
Somit hat das Spiel bei Spencer eine vermittelnde Funktion. Um das Phänomen Spiel wissenschaftlich zu erklären, bedient er sich physiologischer Hypothesen. Er stellt dabei einen kausalen Zusammenhang zwischen den Vorgängen des Spiels und den Molekularbewegungen im Nervensystem oder mit der Entladungsbereitschaft vorn Hirnzentren her. Kritisch ist dabei zu betrachten, dass im 19. Jahrhundert noch keine wissenschaftlichen Erkenntnisse vorlagen.
Den Gegenstrom zur Kraftüberschusstheorie bildete die Erholungstheorie. Die zuerst von Julius Schaller in seinen Grundsätzen erörtert und dann von Moritz Lazarus erweitert wurde. Seinen Ursprung hat diese Theorie bei Aristoteles. Für ihn war Spiel Mittel der Erholung, hat also Regulationsfunktion . Dieser Gedanke wird neu aufgegriffen. Den Lazarus betrachtet, im Gegensatz zu Spencer, die Alltagswelt als Welt voller Ansprüche an die Gesellschaft. Um diesen gerecht zu werden, braucht der Mensch einen Ausgleich. Spielen ist also die notwendige Wiedergewinnung verausgabter Energien.
Damit wird das Spiel legitimiert, die Regulationsfunktion verteidigt und der Aspekt der Nützlichkeit zusätzlich aufgegriffen. Kritisiert wurde dieser Ansatz dahingehend, das Lazarus sich am Erwachsenspiel orientierte und Aspekte des Kinderspiels vernachlässigte.
Sowohl die Kraftüberschusstheorie als auch die Erholungstheorie beanspruchen für sich Allgemeingültigkeit.
Karl Groos, stellte gegen Ende des 19. Jahrhundert seine Theorie vor. Seine besondere Leistung besteht darin, dass er seine Ausführungen auf eine umfassende Materialsammlung stützt, sowie in seiner Theorie versucht vorhandene Denkansätze zu kombinieren. Hierbei entdeckte er Widersprüche, und kam zu der Erkenntnis, dass alle vorliegenden Theorien zum Spiel immer nur Teilgebiete erklären.
Seine Theorie wurde als Einübungstheorie bezeichnet.
Er stellte fest: „Die Jugendperiode … ist eine Lehrzeit, eine Periode der Ausbildung…. Die Selbstausbildung, … vollzieht sich aber (…) vor allem im Spiel". Die zentralen Punkte „der Lebenswert" des Spiels sind also Selbstausbildung und Einübung. Die Jugendzeit ist für ihn mit dem Recht verbunden spielerisch die Lebenssituationen der Erwachsenen kennen zu lernen und zu üben um ihre Instinkte zu formen. Aufgrund umfangreicher Materialsammlungen zu Spielen nahm er eine Klassifikation hinsichtlich ihrer Übungsfunktion vor. Dabei identifizierte er drei Übungsbereiche, Spiele mit „sensorischen", „motorischen" und „höheren geistigen" Funktionen.
Groos bezog seine Erkenntnisse auf das tierische wie auch auf das menschliche Spielen.
Diese Verständnis verkettete er auch mit dem Erwachsenspiel: „Auch für den Erwachsenen bewahrt das Spiel seinen Übungswert“. Die Betrachtungen führten ihn zu der Erkenntnis, dass dem Spiel im Erwachsenalter eine Ergänzungsfunktion zukommt.
Groos widerlegt in seiner Theorie vorhandene Ansätze, erkennt aber ihr partielles Recht an.
Betrachtet man die Theorien des 19. Jahrhunderts zusammenfassend, findet man verschiedene Funktionen des Spiels, die aus abwechselnden Blickwinkeln beleuchtet wurden. Nur Groos ist es gelungen mit seiner partiellen Sichtweise mehrere Strömungen zusammenzufassen. Für Scheuerl ist er der Impulsgeber für die Forschung um die Jahrhundertwende.